„Ton ist weniger eine Substanz…

… denn ein bestimmtes Verhalten“ (Patrick Webb)

Ton unterliegt einem ständigen Wandel.

Er entsteht unvorstellbar langsam durch geologische Prozesse. Die Erosion braucht Jahrmillionen: Berge zerfallen in Felsbrocken, Felsbrocken in Steine, Steine in Kieselsteine, Sand, Schluff und schließlich, wenn der Schluff eine bestimmte Feinheit erreicht hat, findet eine erstaunliche Verwandlung statt.

Anstatt nur eine lose Mischung zu sein, beginnen sich die feinen Partikel auf molekularer Ebene gegenseitig anzuziehen und binden Wasser. Es tritt das Phänomen auf, dass sich die sehr fein verwitterten Mineralien wieder zu Aggregaten zusammenballen. Der Prozess des erodierenden Zerstäubens dreht sich um und es beginnt ein erneutes Sich-in-einander-Fügen, ein Sich-An-einander-Halten. Das hat Folgen und ist eminent wichtig, um den Ton zu “verstehen”. Ton ist weniger als Substanz, sondern vielmehr als ein Verhalten zu betrachten, wie es der engagierte Verfechter traditioneller Handwerkskünste Patrick Webb formuliert. Der Arbeitsprozess hat nah am Material zu erfolgen, um den richtigen Moment zu „erfühlen“ und sein eigenes Verhalten an dem des Werkstoffes ausrichten zu können. (1)

Granit wird abgetragen und aus dem Feldspat Anteil formt sich eine Plättchen Struktur. Diese Aluminium-Schichtsilikate sind winzig und flach und ähneln mikroskopisch kleinen Rasierklingen. Ein dünner Wasserfilm schiebt sich zwischen sie und ermöglicht ein Gegeneinander Gleiten, ohne dass der neugeschaffene Zusammenhalt verloren geht. So erhält die Substanz veränderte Eigenschaften: eine hervorragende Plastizität, wunderbare Geschmeidigkeit und leichte Verarbeitbarkeit –> Ton mit einem gewissermaßen inhärenten Wasseranteil.

Beim Trocknen verliert er lediglich dieses Wasser und härtet aus, das heißt die Plättchen rücken dichter zusammen und verhaken sich. Dieser Prozess ist jedoch komplett reversibel: Ton kann jederzeit wieder mit Wasser befeuchtet, repariert oder neu modelliert werden, um dann wieder trocknen gelassen zu werden, um dann wieder Wasser aufnehmen zu können undsoweiterundsofort.

Werden während des Trocknens nun durch Polieren diese Plättchen parallel ausgerichtet, entsteht der charakteristische Glanz, der dem Ton eigen ist und im Feuer sich solange bewahren kann, bis die Tonplättchen ab einer gewissen Temperatur beginnen zu zerschmelzen. Ein Prozess der Versinterung beginnt. Damit verschwindet der Glanz. Will man diesen behalten, sorge man für Temperaturen unter 900 Grad.

Das Brennen ist eine uralte, ganz realistische Praxis, die sich aber wie Magie oder Alchymie anfühlt, denn es entsteht Keramik. Am Ende der Erosion verwandelte Wasser den Ton und nun wird Feuer ihn verwandeln. Die tonigen Bestandteile mutieren zu neuen Mineralien, winzige Kristalle bilden sich an ihren Grenzen, können bei hohen Temperaturen schmelzen und verglasen. Ton als Keramik ist nun hart und spröde, erstaunlich dauerhaft und wasserfest. Seine Form- und Verwitterungsbeständigkeit ist so groß, dass er sogar eine wesentliche Rolle im Rahmen der Identifizierung und Datierung archäologischer Kulturen spielen kann.

Das charakteristische Stadium des plastisch verformbaren Tones stellt also nur einen kleinen Zeitraum innerhalb seines irdischen Kontinuums im Kreislauf der Gesteine dar. Vorher war Ton quasi erstarrt im Granit (durch immensen Druck und Hitze tief in der Erde) und erstarrt nun erneut durch Feuer und Hitze in die Keramik hinein. Nur in einer ultrakurzen Phase zwischen seinen steinig starren Zuständen beginnt der feuchte Ton ein formfreudiges Gespräch mit dem Plastizierenden, der sich seinem Verhalten anpasst … und gemeinsam erschaffen sie etwas neues. Schon seit Menschengedenken wird so gearbeitet, und der kreative Dialog mit dem Material auf Augenhöhe fasziniert Künstler und Handwerker bis heute.

(1) Nach Patrick Webb ist immer das Material der wichtigste Lehrmeister, und der tatkräftige Handwerker lernt haptisch zuhörend direkt vom Material, indem er sich dessen Rhythmus unterordnet und dessen Eigenleben und Grenzen (Verhalten) respektiert. Solch sensibel wahrnehmende Tätigkeit führt zu einem dialogisch empfangenem und körperlich verkörperten Wissen (Embodied Knowledge) sowie zu einer harmonischen Zusammenarbeit…
Weitere Ausführungen zu diesem Sachverhalt harren ungeduldig ihrer Formulierung.


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Archaische Damen